Verfasst im Mai 1988
Wie ich in meiner letzten Nachricht schon andeutete, arbeite ich rund um die Uhr. Freies Wochenende? Pustkuchen. So kommt es, dass ich kaum am öffentlichen Leben des Westlers teilhabe und auch nicht besonders viel erlebe, was zu berichten lohnt.
Gesund ist dieses andauernde Hochdruck-Geschufte natürlich nicht. Dem Westler an sich ist seine Gesundheit egal, könnte man jetzt folgern – das wäre aber vollkommen falsch gefolgert, denn in fast allen anderen Lebensbereichen ist der Westler ausgesprochen gesundheitsfixiert. Beispielsweise in der Ernährung. Der Westler kennt und isst alle möglichen Arten von Salat, weiß Bescheid über Joghurtsorten und links- und rechtsdrehende ungesättigte Fettsäuren, presst Orangen zu Saft, ja, er filtert gar sein Leitungswasser, bevor er es für die Essenszubereitung oder zum Trinken benutzt. Klar: Die gesundheitlichen Schäden, die er sich durch sein eigenwilliges Arbeitspensum zuzieht, müssen ja irgendwie kompensiert werden.
11.03.2012
24.02.2012
Die Freizeit
Verfasst im Mai 1988
Der Westler an sich misst der Freizeit keinerlei Wert bei. Stattdessen macht er Überstunden. Selbst das Wochenende lässt er sich vom Arbeitgeber bereitwillig verplanen. Hierbei gilt: Firmenbelange haben immer und überall Vorrang vor privaten Dingen. Dem Ostler erscheint diese Sichtweise ungewohnt, darum er muss sich, wenn er im Westen ist, umstellen. Mit der Arbeit schon nach vier Stunden fertig sein, den Rest des Arbeitstages vergammeln und Samstagsarbeit abrechnen, obwohl man am Samstag gar nicht gearbeitet hat – so unglaublich es klingen mag, im Westen ist das undenkbar. Somit kann gesagt werden, dass sich der Lebensstandard für den Westler fast ausschließlich nach dem Füllstand des Portemonnaies bemisst. Wer fordert, man müsse auch die Freizeit einrechnen, erregt sofort Aufsehen.
Der Westler an sich misst der Freizeit keinerlei Wert bei. Stattdessen macht er Überstunden. Selbst das Wochenende lässt er sich vom Arbeitgeber bereitwillig verplanen. Hierbei gilt: Firmenbelange haben immer und überall Vorrang vor privaten Dingen. Dem Ostler erscheint diese Sichtweise ungewohnt, darum er muss sich, wenn er im Westen ist, umstellen. Mit der Arbeit schon nach vier Stunden fertig sein, den Rest des Arbeitstages vergammeln und Samstagsarbeit abrechnen, obwohl man am Samstag gar nicht gearbeitet hat – so unglaublich es klingen mag, im Westen ist das undenkbar. Somit kann gesagt werden, dass sich der Lebensstandard für den Westler fast ausschließlich nach dem Füllstand des Portemonnaies bemisst. Wer fordert, man müsse auch die Freizeit einrechnen, erregt sofort Aufsehen.
17.02.2012
Der Nahverkehr
Verfasst im Mai 1988
Im Osten herrscht die Meinung vor, es gebe im Westen alles im Überfluss. Das stimmt so nicht. Öffentlichen Personen-Nahverkehr zum Beispiel gibt es nicht im Überfluss, ja, man kann fast sagen, dass es ihn, von einigen Ausnahmen abgesehen, überhaupt nicht gibt.
Eine dieser Ausnahmen ist der innerstädtische Nahverkehr. Den gibt es. Ansatzweise wenigstens. Ich wohne derzeit in einem Dorf in Bayern, die nächstgrößere Stadt ist ungefähr dreißig Kilometer entfernt und hat an die 100.000 Einwohner, und dort gibt es sehr wohl Nahverkehr. Es fahren Stadtbusse mehrerer Linien. Allerdings fahren sie a) nicht häufig und b) nicht nach 23 Uhr. Wer später unterwegs ist, weil er vielleicht in die Disco oder eine Bar gehen will, nimmt erstaunlicherweise das Auto. Bei dieser Gelegenheit sei gleich auf eine Gemeinsamkeit zwischen Nahverkehr, Disco und Bar verweisen. Eigentlich sind es zwei Gemeinsamkeiten. Erstens: Alle diese Dinge gibt es. Zweitens: Es gibt sie in überschauberem Ausmaß. Zum Thema Disco/Bar werde ich mich bei Gelegenheit noch eingehender äußern.
Im Osten herrscht die Meinung vor, es gebe im Westen alles im Überfluss. Das stimmt so nicht. Öffentlichen Personen-Nahverkehr zum Beispiel gibt es nicht im Überfluss, ja, man kann fast sagen, dass es ihn, von einigen Ausnahmen abgesehen, überhaupt nicht gibt.
Eine dieser Ausnahmen ist der innerstädtische Nahverkehr. Den gibt es. Ansatzweise wenigstens. Ich wohne derzeit in einem Dorf in Bayern, die nächstgrößere Stadt ist ungefähr dreißig Kilometer entfernt und hat an die 100.000 Einwohner, und dort gibt es sehr wohl Nahverkehr. Es fahren Stadtbusse mehrerer Linien. Allerdings fahren sie a) nicht häufig und b) nicht nach 23 Uhr. Wer später unterwegs ist, weil er vielleicht in die Disco oder eine Bar gehen will, nimmt erstaunlicherweise das Auto. Bei dieser Gelegenheit sei gleich auf eine Gemeinsamkeit zwischen Nahverkehr, Disco und Bar verweisen. Eigentlich sind es zwei Gemeinsamkeiten. Erstens: Alle diese Dinge gibt es. Zweitens: Es gibt sie in überschauberem Ausmaß. Zum Thema Disco/Bar werde ich mich bei Gelegenheit noch eingehender äußern.
12.02.2012
Die Geisterstadt
Verfasst im April 1988
Der Westler an sich hält sich nicht gern außerhalb von Gebäuden oder Fahrzeugen auf. Ich denke, diese Aussage kann ich guten Gewissens machen, obwohl ich mich erst knapp eine Woche im Westen – nämlich in Gießen in Hessen – aufhalte. Eine Ausnahme gibt es allerdings: die Innenstadt. Oder vielmehr die Fußgängerzone der Innenstadt. Innerhalb dieser Zone ist der Westler zu Fuß unterwegs; er läuft herum, schaut in Schaufenster oder sitzt an Tischchen vor dem Café, gerade so, wie es der Ostler auch tut (natürlich tut der Ostler dies im Osten, nicht hier, es sei denn, er ist gerade auf Besuch im Westen oder gar in den Westen übergesiedelt – die letztere Art von Ostler ist in Gießen recht häufig anzutreffen).
Der Westler an sich hält sich nicht gern außerhalb von Gebäuden oder Fahrzeugen auf. Ich denke, diese Aussage kann ich guten Gewissens machen, obwohl ich mich erst knapp eine Woche im Westen – nämlich in Gießen in Hessen – aufhalte. Eine Ausnahme gibt es allerdings: die Innenstadt. Oder vielmehr die Fußgängerzone der Innenstadt. Innerhalb dieser Zone ist der Westler zu Fuß unterwegs; er läuft herum, schaut in Schaufenster oder sitzt an Tischchen vor dem Café, gerade so, wie es der Ostler auch tut (natürlich tut der Ostler dies im Osten, nicht hier, es sei denn, er ist gerade auf Besuch im Westen oder gar in den Westen übergesiedelt – die letztere Art von Ostler ist in Gießen recht häufig anzutreffen).
Abonnieren
Posts (Atom)